Von der Töchterschule zum Gasthaus „zur Pfalz“

Geschichtshäppchen

Jens Hübner mein einem Foto vom Gasthaus „zur Pfalz“, das ihm Steffen Kaul aus seiner Sammlung zu Verfügung stellte, und eine hölzerne Schraubzwinge aus der Küferei von Jakob Albrecht

Bad Kreuznach – Aus dem Straßenbild ist es längst entschwunden. Aber Jens Hühner (45) hat es davor bewahrt, in Vergessenheit zu geraten.

Im Rahmen der Stadtarchiv-Reihe „Geschichtshäppchen“ erzählte er die Geschichte des Gasthauses „zur Pfalz“, das von 1881 bis 1940 in der Mannheimer Straße existierte. Für Jens Hühner ist es ein Kapitel Familiengeschichte, das den Journalisten auch zur Recherche ins Bad Kreuznacher Stadtarchiv führte. Jens Hühner ist der Ururgroßneffe des Wirte-Ehepaares.

In Bad Kreuznach um die Wende zum 20. Jahrhundert konnten die Bürgerinnen und Bürgerinnen für ihren Wirtshausbesuch zwischen fast 140 gastronomischen Betrieben wählen. Eines das davon war das „Gasthaus zur Pfalz“, das zunächst Jakob Albrecht und seine Frau Elisabeth führten. Albrecht stammte als Sohn eines Land- und Gastwirtes aus Winterborn (heute Donnersbergkreis, damals bayrische Pfalz).

„Er suchte seine Glück im Ausland – nämlich jenseits der pfalz-bayrischen Grenze, im rund 15 Kilometer entfernten preußischen Kreuznach“, so Jens Hühner. Als gelernter Küfer wollte Jakob Albrecht sich in der aufstrebenden Stadt an der Nahe eine neue Existenz aufbauen. Bevor Albrecht das Gasthaus „zur Pfalz“ eröffnete, war er drei Jahre Pächter der Schankwirtschaft „Zu den vier Jahreszeiten“ (später „Schillingshof“) in der Mannheimer Straße 181.  Mit seiner Frau Elisabeth, eines von acht Kindern des Ackerers Nikolaus Ranly in Weinsheim, erwarb er 1881 das Haus in der Mannheimer Straße 188, in dem bis zu diesem Zeitpunkt „heranwachsende Damen auf den Ernst des Lebens vorbereitet wurden“, es war die „Culmann`sche Evangelische höhere Töchterschule“. Als Reminiszenz an seine alte Heimat gab Jakob Albrecht seinem Gasthaus den Namen „zur Pfalz“. Albrecht führte nicht nur das Gasthaus, sondern handelte mit selbsterzeugten Wein und Branntwein, die der gelernte Küfer im rückwärtigen Bereich des Grundstückes herstellte.

Als Albrecht im Alter von nur 45 Jahren am 16. Mai 1895 starb, wurden Küferei und Brennerei geschlossen. Da die Ehe kinderlos blieb, führte die Witwe mit ihrer ledigen Schwester Anna das Gasthaus weiter. Elisabeth Albrecht heiratete ein zweites Mal. Joseph Dillmann war bis zu seiner Hochzeit Lehrer an der Katholischen Elementarschule und zudem im Vorstand des katholischen Gesellenvereins aktiv. Dillmann wechselte vom Lehrerpult an den Tresen und gab seine Beamtenlaufbahn auf. „Dass er sich in der Rolle des Wirtes in besonderer Weise verausgabte, das darf bezweifelt werden“, erzählte Hühner und berief sich dabei auf Erzählungen „längst verstorbener Verwandter“ die den „Dillmann Unkel“ noch erlebt hatten.

Sie schilderten ihn als „gemütlichen älteren Herrn, der sich und seinen nicht gerade kleinen Wohlstandsbauch gerne mit einem Remischen Wein in einem in der Wirtsstube stehenden Ohrensessel pflegte, während die Gäste von Frau und Schwägerin bedient wurden.“ Allerdings kümmerte sich Joseph Dillmann um das Keltern und den Ausbau in den eigenen Kellern. Das Ehepaar brachte die Gastwirtschaft auch durch die schwierigen Jahres des Ersten Weltkrieges. In den Jahrzehnten danach wurde zudem Teile des Anwesens vermietet, unter anderem an die Kolonialwarenhandlung Knippenberg & Co. In Herbst 1928 wurde Elisabeth Dillmann zum zweiten Mal Witwe.  

Sie nahm das Gasthaus wieder auf ihren Namen und sorgte gemeinsam mit ihrer Schwester für das leibliche Wohl der Gäste, bis zu ihrem Tod, im Februar 1940. Nach dem Tod ihrer Schwester Anna Ranly, im Jahr 1942,  wurde das Vermögen unter den über 40 Erben aufgeteilt. Das Adressbuch des Jahres 1943 wies in der Mannheimer Straße 188 die Fahrradgroßhandlung Karl Müller sowie den Schuhmacher Josef Schepp aus. Das Wirtshaus „zur Pfalz“ war Geschichte.

Das vom Spätklassizismus geprägte Gebäude, Mitte des 19. Jahrhunderts errichtet,  hatte die Bombenangriffe Weihnachten 1944 und am 2. Januar 1945 weitgehend unbeschadet überstanden. Ab 1947 war das Haus Sitz des Eisenwarengeschäftes Eckenroth und wich dann später dem aktuellen Neubau (heute genutzt durch Discounter Tedi).

Letztes Geschichtshäppchen am Donnerstag, 21. Januar, 17.45 Uhr

Zum Abschluss der Stadtarchivreihe „Geschichtshäppchen“ am Donnerstag, 21. Januar, 17.45 Uhr, bringt Elke Beckamp am Fuß des Löwenstegs Kreuznacher Geschichten aus aller Zeit mit. Treffpunkt Mannheimer Straße 198a.